Euro-Office
Worum es geht
Euro-Office ist eine quelloffene, europäisch getragene Office-Suite für Dokumente, Tabellen und Präsentationen. Sie entsteht als Abspaltung der Codebasis von ONLYOFFICE, steht unter AGPL-3.0 und zielt auf eine souveräne Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace.
Euro-Office wurde im März 2026 von einem Verbund europäischer Cloud- und Kollaborationsanbieter gestartet; der öffentliche Start (Launch) erfolgte am 9. Juni 2026 zum freien Download aus den öffentlichen GitHub-Repositories. Getragen wird das Projekt unter anderem von IONOS, Nextcloud, EuroStack, XWiki, OpenProject, Soverin, Abilian und BTactic, ergänzt um Open-Xchange und Office.eu. Diese Seite ordnet ein, was Euro-Office technisch ist, woher es kommt und wo es im Spannungsfeld von Microsoft-Kompatibilität und digitaler Souveränität steht.
Herkunft und Codebasis
Euro-Office ist keine Neuentwicklung, sondern eine Abspaltung von ONLYOFFICE, der quelloffenen Office-Suite des in Lettland registrierten Anbieters Ascensio System SIA. ONLYOFFICE selbst steht unter AGPL-3.0 und ist für seine hohe Treue zu den Microsoft-Formaten (DOCX, XLSX, PPTX) bekannt. Der Verbund hinter Euro-Office begründet die Abspaltung mit Bedenken zur Eigentümerstruktur des Ursprungsprojekts und mit dem Wunsch nach einer transparenteren, europäisch kontrollierten Entwicklung. Aus diesem Erbe folgt eine wichtige Präzisierung: Euro-Office ist im Kern OOXML-stark und unterstützt das OpenDocument-Format (ODT, ODS, ODP) neben den Microsoft-Formaten; der weitere Ausbau der ODF-Unterstützung steht ausdrücklich auf der Projekt-Roadmap.
Was die Suite bietet
Euro-Office liefert webbasierte Editoren für die drei klassischen Dokumenttypen und ist auf Einbettung in andere Plattformen ausgelegt, nicht primär auf den Einzelplatz:
- Texte, Tabellen, Präsentationen. Editoren für Dokumente, Tabellenkalkulation und Präsentationen, dazu PDF und ausfüllbare Formulare.
- Echtzeit-Kollaboration. Mehrere Personen bearbeiten dasselbe Dokument gleichzeitig, über den Browser.
- Formatkompatibilität. DOCX, XLSX, PPTX auf der Microsoft-Seite, ODT, ODS, ODP auf der offenen Seite, dazu PDF. Der Wechsel von Microsoft 365 bleibt für Endnutzende vertraut.
- Integration statt Insel. Die Suite ist als einbettbarer Dokumentenserver konzipiert, der sich in bestehende Plattformen wie Datei- und Kollaborationsdienste einfügt.
Der angepeilte Einsatzbereich sind öffentliche Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und regulierte Branchen, die von US-Produktivitätswolken wegmöchten, ohne ihren Endnutzenden einen Bruch im Arbeitsablauf zuzumuten.
Lizenz und Governance
Euro-Office steht vollständig unter AGPL-3.0. Die AGPL verpflichtet dazu, Änderungen am Code auch dann offenzulegen, wenn die Software nur als Netzwerkdienst betrieben wird; das ist für eine serverseitig betriebene Office-Suite die entscheidende Lizenzklausel. Getragen wird das Projekt von einem Verbund europäischer Unternehmen statt von einem einzelnen Anbieter. Der Verbund argumentiert, dass die Kombination aus europäischer Unternehmenskontrolle und offener Lizenzierung Souveränitäts- und Transparenzfragen anders adressiert als rein proprietäre US-Suiten oder kleine, isolierte Open-Source-Projekte.
Euro-Office, Office EU und ONLYOFFICE
Drei ähnlich klingende Namen lassen sich leicht verwechseln. Die Abgrenzung ist für eine saubere Beschaffungsentscheidung wesentlich:
flowchart LR
OO[ONLYOFFICE<br/>Ascensio System SIA<br/>AGPL-3.0] --> EO[Euro-Office<br/>europäische Abspaltung<br/>AGPL-3.0]
OE[Office.eu / Office EU<br/>kommerzielle Cloud-Suite] -. Partner im Verbund .-> EO
EO --> SELF[Selbst betreiben<br/>oder einbetten]
OE --> HOST[Gehosteter Dienst<br/>aus EU-Rechenzentren]
SELF --> CHOICE[Kontrolle über Betrieb und Daten]
HOST --> CHOICE
ONLYOFFICE ist die technische Grundlage. Euro-Office ist die europäische Abspaltung davon. Office EU (unter office.eu) ist ein eigenständiger, kommerzieller Cloud-Dienst, der zugleich Partner im Euro-Office-Verbund ist; er ist nicht dasselbe Produkt wie Euro-Office. Euro-Office selbst ist Software, eine Abspaltung von ONLYOFFICE, die man selbst betreibt oder einbettet; wo die Daten liegen, hängt davon ab, wer die Software betreibt. Wer eine selbst betriebene, einbettbare Komponente sucht, schaut auf Euro-Office; wer einen fertig gehosteten Dienst aus EU-Rechenzentren will, schaut auf das gehostete Angebot Office EU.
Dokumentdaten zurück im eigenen Kontrollbereich
Euro-Office ist ein Lehrstück dafür, wie digitale Souveränität konkret wird. Wer Dokumente in einer US-Produktivitätswolke bearbeitet, gibt Personendaten potenziell in eine fremde Rechtsordnung; greift der US Cloud Act, kann ein US-Anbieter zur Herausgabe verpflichtet werden, auch wenn die Daten in der EU liegen. Eine quelloffene, in der EU betriebene Suite verlagert diese Datenflüsse zurück in den eigenen Kontrollbereich und erleichtert die Einhaltung des revidierten Datenschutzgesetzes (revDSG). Genau das ist der Hebel, der Euro-Office von einer reinen Microsoft-Alternative zu einem Souveränitätswerkzeug macht.
Für Schweizer Organisationen bleibt Euro-Office allerdings eine Bausteinentscheidung, kein fertiges Schweizer Angebot: Der Verbund ist EU-zentriert, und der Betrieb auf Schweizer Infrastruktur ist Sache der betreibenden Organisation. Eine nüchterne Einordnung gegenüber der etablierten Microsoft 365-Welt umfasst Migrationsaufwand und Kompatibilitätsgrenzen ebenso wie die Nachweis- und Lieferkettenseite einer Open-Source-Einführung. Als ausgereiftere quelloffene Desktop-Alternative steht daneben LibreOffice, das einen anderen technischen Weg geht und nativ auf ODF setzt.
Wo die Grenzen liegen
- Junges Projekt. Der öffentliche Start erfolgte im Juni 2026. Reife, Migrationswerkzeuge und langfristige Pflege müssen sich erst im Betrieb beweisen.
- OOXML-Erbe, nicht ODF-nativ. Die Stärke liegt in der Microsoft-Kompatibilität; die ODF-Unterstützung wächst, ist aber nicht der historische Kern. Wer ein ODF-natives Werkzeug will, prüft auch LibreOffice.
- EU-, nicht Schweiz-zentriert. Der Verbund und seine Rechenzentren sind EU-orientiert. Schweizer Datenresidenz und Betrieb sind eine eigene Aufgabe.
- Einbettung als Zielbild. Euro-Office ist als integrierbarer Dokumentenserver gedacht. Der schlüsselfertige Einzelplatz-Komfort einer fertig gehosteten Suite ist ein anderes Produktversprechen.
Referenzen
- ZDNET Euro-Office, Europe's open-source alternative to Microsoft Office and Google Docs, launches June 9. Pressebericht zum öffentlichen Start und zum Anbieterverbund. (09.06.2026). www.zdnet.com/article/euro-office-a-sovereign-cloud-based-office-suite-google-microsoft-alternative/
- Nextcloud Euro-Office: Building momentum. Statusbericht des Verbunds zu Roadmap, Governance und neuen Partnern; bestätigt den Projektstart am 27.03.2026. (22.04.2026). nextcloud.com/blog/euro-office-building-momentum/
- Euro-Office GitHub-Organisation. Öffentliche Repositories der Suite (DocumentServer, web-apps, DesktopEditors), AGPL-3.0, Abspaltung von ONLYOFFICE. (2026). github.com/Euro-Office
- ONLYOFFICE DocumentServer. Quelloffener Dokumentenserver unter AGPL-3.0, technische Grundlage der Abspaltung, mit hoher OOXML-Kompatibilität. (2026). github.com/ONLYOFFICE/DocumentServer
- OASIS OpenDocument Format (ODF) v1.3, Part 1. Der offene XML-Standard für Bürodokumente, gepflegt von OASIS. (27.04.2021). docs.oasis-open.org/office/OpenDocument/v1.3/OpenDocument-v1.3-part1-introduction.html
Verwandte Themen
- Digitale Souveränität, der strategische Rahmen, in den Euro-Office gehört.
- Microsoft 365, die etablierte Suite, deren Ablösung Euro-Office anstrebt.
- Open-Source-Initiative-Definition, die offenen Standards hinter ODF.
- US Cloud Act, die Rechtslage, die den Souveränitätsdruck erzeugt.
- nFADP / revDSG, der Schweizer Datenschutz, der parallel greift.
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